Chemotherapie heute

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Moderne Chemotherapeutika zeichnen sich dadurch aus, dass sie sich an ganz spezifische Moleküle an oder in den Zellen binden und damit die Funktion dieser Moleküle blockieren. Natürlich muss zuvor überprüft werden, ob der betreffende Patient bzw. die Tumorzellen dieses Molekül überhaupt aufweisen. Dieses Konzept wird unter dem Titel „personalisierte Krebstherapie“ als große Hoffnung der Zukunft verkauft.

Moderne Chemotherapeutika zeichnen sich dadurch aus, dass sie sich an ganz spezifische Moleküle an oder in den Zellen binden und damit die Funktion dieses Moleküls blockieren. Das kann zum Beispiel ein Molekül sein, welches das Wachstum der Krebszelle oder die Zellteilung anregt, den Zelltod der Krebszelle hemmt, oder für die Bildung neuer, lebenswichtiger Blutgefäße für den Tumor verantwortlich ist. Dementsprechend handelt es sich hier fast ausnahmslos um Antikörper. Sie werden entweder alleine oder auch in Kombination mit anderen Chemotherapeutika angewandt.

Eines der neueren Antikörper ist Pembrolizumab. Es ist ein Antikörper gegen das PD-L1-Molekül, ein Molekül, welches den Zelltod von Immunzellen hemmt und PD-L1 steht dabei für „programmed death-ligand 1. Wird dieser Ligand durch einen Antikörper blockiert, sterben die Immunzellen nicht so schnell. Das rasche Absterben kann bei einer Infektion oder Autoimmunerkrankung unerwünscht sein, weil die Entzündung sonst endlos weiter geführt würde. Bei Krebs könnte es von Vorteil sein, wenn der Zelltod der Immunzellen gehemmt wird, so das ganz stark vereinfachte Konzept.

Wie alle Chemotherapeutika, so darf auch Pembrolizumab nur von ausgebildeten Onkologen bei bestimmten Formen des Lungenkrebses angewandt werden und ist keinesfalls gedacht für die Verschreibung in einer allgemeinmedizinischen Praxis. Als Allgemeinmedizinerin habe ich aber eine Aussendung erhalten, die den Zweck hat, mich über mögliche Nebenwirkungen dieses Medikaments zu informieren, um diese rasch erkennen zu können und bei Bedarf den Patienten richtig weiter leiten zu können.

Nun, das Medikament wird üblicherweise alle 3 Wochen verabreicht. Dabei braucht es zwei Ampullen. Eine Ampulle kostet Euro 4.921,90 (in Worten: viertausendneunhundertzwanzigundeins). Der Zeitraum bis zum Fortschreiten des Lungenkrebses war 6,3 Monate in der Chemotherapiegruppe, 10,3 Monate in der Gruppe, welche Pembrolizumab erhielt. Die Überlebensrate nach 6 Monaten betrug in der Chemotherapiegruppe 72,4 %, in der Pembrolizumabgruppe 80,2 %. Irritierend ist hier, dass von „estimated rate of survival“ gesprochen wird, also von „geschätzter Überlebensrate“. Wurde das nun gemessen oder nicht? Zahlen zur generellen Überlebensrate gibt es (noch) nicht.

In Summe darf der Effekt so eingeschätzt werden: Es gibt einen Vorteil durch Pembrolizumab gegenüber der Chemotherapie, wobei die Studiengruppe insgesamt offenbar günstige Voraussetzungen hatte (immerhin noch über 70 % Überlebende in der Chemotherapiegruppe nach 6 Monaten). Langzeitdaten aber fehlen noch.

Nun zu den Nebenwirkungen, welche ja Anlass zur Aussendung des Pharmakonzerns waren. Mögliche Nebenwirkungen sind:

  • immunvermittelte Pneumonitis (vereinfacht ausgedrückt: nicht bakterielle Lungenentzündung)
  • Kolitis (Darmentzündung)
  • Hepatatis (Leberentzündung)
  • Nephritis (Nierenentzündung)
  • Endokrinopathien einschließlich Hypohysitis, Diabetes mellitus Typ I, diabetische Ketoazidose, Hypothyreose, Hyperthyreose (Stoffwechsel- und Hormonstörungen einschließlich Entzündung der Hypophyse im Gehirn, Diabetes Typ I, diabetische Stoffwechselentgleisung mit schwerer, bedrohlicher Ansäuerung des Blutes, Schilddrüsenunterfunktion und Schilddrüsenüberfunktion)
  • Uveitis (Augenentzündungen)
  • Arthritis (Gelenksentzündungen)
  • Myositis (Muskelentzündungen)
  • Pankreatitis (Bauchspeicheldrüsenentzündung)
  • schwere Hautreaktionen (was konkret damit gemeint ist, wird nicht deklariert)
  • Guillain-Barré-Syndrom (eine Nervenentzündung)
  • Myasthenie-Syndrom (Muskelschwäche durch Antikörper gegen Muskeln)
  • hämolytische Anämie (Anämie durch erhöhten Zerfall der Blutkörperchen)
  • fokale Krampfanfälle (Epilepsie) bei Hirnentzündungen

Nebenwirkungen traten in der Pembrolizumabgruppe in 73,4 % auf, in der Chemotherapiegruppe waren es 90,0 %.

Liebe Onkologen, liebe Gesundheitspolitiker, ich möchte Ihr Bemühen nicht schmälern. Aber dieser Effekt ist moderat und extrem teuer erkauft – im wörtlichsten Sinne des Wortes. Ich lehne nicht die Erforschung neuer Chemotherapeutika ab. Es ist und bleibt aber unverständlich, warum angesichts dieser Daten nicht zumindest ein kleiner Teil des Forschungsgeldes der Erforschung einer geeigneten Ernährung bzw. der vielen pflanzlichen Mittel, welche im Labor zumindest ebensolche Effekte erzielen, gewidmet wird!

Photoquelle: Labor tubes, www.istockphoto.com
zur Studie im NEJM

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2 Kommentare auf “Chemotherapie heute

  • 26. März 2017 at 07:59
    Permalink

    Es ist kein Geld da, um in andere Richtungen zu forschen, weil wir den Löwenanteil an Forschungsgeldern im Tierversuch verbrennen.
    Und wie immer frage ich mich an dieser Stelle auch: Wie hat der AK im Tierversuch abgeschnitten? Im Regelfall gehen der klinischen Studie entsprechende Tierversuche usw (= präklinische Studien) voraus. Die präklinische Phase kann schon mal bis zu 10 Jahre in Anspruch nehmen und am Ende schaffen es dann 5-8% aller Medikamente, tatsächlich zugelassen zu werden. Die Abkehr vom Tierversuch, hin zu wesentlich effektiveren Wegen, könnte unglaublich viel Geld, Leid und Zeit einsparen. Wenn einem schon die Versuchstiere egal sind, sollte einem zumindest die Lebenszeit der Patienten, die von der Entwicklung abhängig sind, nicht egal sein.

    Außerdem hat schlicht niemand ein pekuniäres Interesse daran, die Wirksamkeit der Ernährung zu erforschen, bestenfalls die von Supplementen. Ich schreie nicht ständig „die böse Pharmaindustrie“, aber besagte Industrie hätte schlicht keinen Nutzen von solchen Erkenntnissen, da sie GOTT SEI DANK kein Schild mit „Hilft gegen Krebs“ auf Broccoli, Himbeeren & Co kleben dürfen.

    Am Linus Pauling Institute der Oregon State University forschen sie z.B. seit Jahren hinsichtlich der Wirkstamkeit von Chlorophyll – hervorragender, aber viel zu wenig beachteter Ansatz, wenn man weiß, wie Chlororphyll und Q10 mit der DNA-Reparatur zusammenhängen.

    Außerdem finde ich es beachtlich, dass auf den meisten Infoseiten zu diesem neuen AK-Präparat die Nebenwirkungen als geradezu banal dargestellt werden:

    https://arznei-news.de/pembrolizumab/
    http://www.ema.europa.eu/docs/de_DE/document_library/EPAR_-_Summary_for_the_public/human/003820/WC500190993.pdf

    LG
    Andrea

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    • 26. März 2017 at 13:44
      Permalink

      Danke Andrea, für die interessanten Infos!

      Wie in einem früheren Beitrag beschrieben, war ich ziemlich entsetzt, als mir im September eine Chemo mit Antikörper gegen EGF empfohlen wurde, ich vor Akne gewarnt wurde, mir aber nicht gesagt wurde, dass der Antikörper in einer Studie 2% Herztode, in einer anderen Studie 3% verursachte! Mittlerweile habe ich aber auch eine Patientin mit einer solchen Akne gesehen! Huch! Das Gesicht eitert sprichwörtlich weg! Bin ich froh, mich dagegen entschieden zu haben!

      Liebe Grüße
      Rosa Aspalter

      antworten

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