Nahrungsergänzungsmittel einschätzen lernen

Pillen

 

 

 

 

 

 

Nahrungsergänzung boomt so richtig. Und als Ärztin werde ich da offenbar als wichtige potentielle Vertriebspartnerin angesehen. Nach langer Abwehr habe ich mich nun doch mal näher mit einigen Produkten befasst und ein paar Regeln gefunden, mit denen man solche Produkte schnell einschätzen lernt.

Für mich galt immer der Grundsatz: Bei guter Ernährung und gutem Lebensstil braucht es keine Nahrungsergänzungsmittel. Meine eigene Situation zeigte mir aber, dass sie in bestimmten Fällen durchaus berechtigt sind und aber dann wie Medikamente eingenommen werden sollten. Welches Produkt aber aus der Fülle des Angebots wählen? Wie erkennt man schnell, wo es sich um billige Produkte unter einem Mäntelchen der Gesundheit handelt und wo nicht?

Keine Wissenschaft erforderlich!

Das Gute gleich vorweg: Sie müssen kein Wissenschaftler, kein Biochemiker, kein Physiologie oder Pharmazeut sein. Es reicht oft schon, die Herstellerangaben auf Plausibilität und Übereinstimmung zu überprüfen. Schauen Sie sich als erster die Webseite und als zweites das Produktlabel an. Damit werden Sie schon sehr weit kommen!

Beispiel: Juice plus+

Ein Produkt, das gerade so richtig boomt, ist Juice Plus+. Die Webseite ist nett und einladend gestaltet. Mich interessierte vor allem, was in diesen Produkten drinnen ist und wie es hergestellt wird. Zur ersteren Frage: Die Webseite und insbesondere die privaten Vertreiber von Juice plus+ werden nicht müde, von 30 Obst- und Gemüsesorten zu berichten, die da in den Produkten sind. Nun, ich komme, wenn ich Beeren, Gemüse- und Obstblend ansehe, auf maximal 10 Sorten pro Produkt (genau genommen sind es 7-10 Sorten, meist 9). Das ist angesichts einer solchen Verheißung und der möglichen Fülle doch eine sehr beschränkte Anzahl!

Wie wird es produziert?

Natürlich wird alles unter schönsten Bedingungen von sympathischen Menschen produziert! So sieht das aus:

Juice plus

Was hat es aber mit den Cranberries auf sich? Der Text sagt: „Bill aus Wisconsin baut die besten Cranberries an, die in unseren Produkten sind.“ Aha, mit Verlaub, das sagt aber gar nichts. Von den Cranberries, die da in den Produkten sind, sind das die besten. Wie gut aber sind sie? Wie schlecht sind die schlechtesten Cranberries? Oder die weniger guten? Und das allerwichtigste: In welchen Produkten sind denn Cranberries? Es tut mir leid, vielleicht habe ich auch wirklich nicht ausreichend genau geschaut! Aber ich finde kein einziges Produkt auf der Webseite, in welchem Cranberries sind!

Es wird damit geworben, dass die Obst- und Gemüsesorten vollreif geerntet werden und sehr schonend getrocknet werden damit alle Nährstoffe erhalten bleiben.

Im Wortlaut:
„Alles, was in Juice PLUS+ steckt, wird für dich vollreif geerntet. Das bedeutet: Höchste Qualität direkt vom Feld!
Mit unserem eigens entwickelten Entsaftungs- und Trocknungsverfahren werden Wasser und nicht verwertbare Bestandteile entfernt und Pflanzenstoffe schonend konzentriert. Damit bleibt der größtmögliche Anteil an Nährstoffen in ihrer natürlichen Umgebung erhalten.“

Nun sehen wir das Produktlabel dazu an:

Food Lable

Hier kann man die Obst- und Gemüsesorten einzeln abzählen, wobei manches doppelt genannt werden dürfte, wie z.B. Orangen und Zitrusfrüchte! Hier erkennt man auch, dass über 60%, das sind also 2/3, Obst- und Gemüsemark verwendet wurde. Da es sich aber um getrocknetes Pulver handelt, wurde das Mark wohl weiter zu Konzentrat verarbeitet und dieses nochmals pulverisiert (mehr Information über diesen Herstellungsprozess wäre in jedem Fall wünschenswert!).

Wozu also diese ganze „schonende Herstellungsweise“, wenn dann gefrorenes, meist stark gezuckertes Konzentrat verwendet wird? Und mehr noch: Wenn dann noch Vitamine und Antioxidantien (wohl in synthetischer Form) zusätzlich beigemengt werden? Dies ist unter den Bezeichnungen Beta-Carotin, Folsäure, Lycopin etc. zu finden, welche als eigenständige Zutaten nochmals aufgelistet sind. Handelt es sich hier also um ein ganz natürliches Mittel, als das es angepriesen wird? Das ist eher zu verneinen.

Beispiel 2: Vabo-N

Dieses Produkt ist wohl das ziemlich unveränderte Nachfolgeprodukt von Vemma, dessen Vertreiber sich mit schweren rechtlichen Vorwürfen konfrontiert sahen und daher den Vertrieb unter diesem Namen in Europa eingestellt haben.

Die Vertreiber von Vabo-N geben sich große Mühe, die vielen wertvollen Zutaten aufzulisten, von den Wirkstoffen der Mangostane begonnen bis zu kolloidalen Mineralien aus einem versunkenen Regenwald, und deren Wirkungsweise mit Studien zu untermauern und das Produkt wird immer wieder, wohl an 20 Male in dem Gespräch, als Zellnahrung bezeichnet. So als ob etwas Nahrung sein könne, was nicht in die Zellen geht. Es gibt außerdem noch keine Studie zu Vabo-N selbst und alle herbei zitierten Studien können also nur als indirekter Hinweis auf Wirkungsweise einzelner Komponenten verstanden werden.

Bei einem Gespräch mit Vertreibern des Produktes wurde vor allem auch die Wirkungsweise dieser angeblich so wertvollen kolloidalen Mineralien hingewiesen, welche in ihrem natürlichen, pflanzlichen Verband vom Körper wesentlich besser aufgenommen und nur so ihre Wirkung in der Zelle entfalten könnten. Ich stellte die Frage, ob also die Mineralien im Apfel oder der Karotte nicht dann das Beste wären, was bejaht wurde. Die Vertreiberin übersah dabei, dass sie damit selbst gegen das Produkt argumentierte. Ganz abgesehen davon: Kolloidale Stoffe scheinen nicht im kolloidalen Verband, sondern nur isoliert, aus dem Verband gelöst, im Darm aufgenommen zu werden. Doch hier hat die Physiologie leider noch kaum definitive Antworten zu bieten, sodass vieles vorerst nur Spekulation bleiben muss.

Vabo-N

Was mich aber dann vollends schockierte, war der Blick auf die Zutatenliste. Ich meine damit nicht die Nährwerttabelle, die mit ihren vielen Vitaminen und Mineralstoffen beeindruckend aussieht, ich meine tatsächlich die Zutatenlisten. Da steht als erste (nach dem Wasser) – und damit mengenmäßig bedeutendste Zutat: Fructose. Dass Fructose in isolierter Form Leberverfettung und viele Stoffwechselprobleme verursacht, sollte sich bereits herum gesprochen haben! Sie als Hauptbestandteil in einem ach so gesunden Nahrungsergänzungsmittel, ja in „Zellnahrung“ anzubieten, entbehrt nicht eines gehörigen Sarkasmus und sträflicher Unwissenheit.

Noch ein Wort zum Vertrieb

Nicht zufällig werden beinahe alle diese Produkte im Pyramidenvertrieb von privaten Personen vertrieben, welche am nachfolgenden Umsatz beteiligt sind. An sich wäre dagegen nichts Schwerwiegendes einzuwenden, wäre das Produkt in Ordnung. Es sollte aber zu denken geben, dass sich diese Vertriebsform fast ausschließlich auf Produkte fraglicher Qualität und fraglichen Nutzens mit oft sehr dubiosen Herstellungsverfahren konzentriert.

Die Sendung „Punkt 12“ hat sich den Vertrieb von Juice plus+ näher angesehen.

 

Ach ja, 5 am Tag!

Und ja, natürlich argumentieren alle Vertreiber, wie schwer es sei, die 5 Portionen Obst und Gemüse am Tag zu erreichen! Wer so argumentiert schreibt ungesundes Verhalten fest und muss sich den Vorwurf gefallen lassen, damit auch noch Geschäfte zu machen.

Photoquelle: Tablettencocktail: R. Aspalter
Juice Plus+: https://www.juiceplus.com/at/de/juice-plus/so-entsteht-juice-plus
http://www.juiceplus.tv/external/ingredients/Capsules_Vegetable.pdf
Vabo-N: https://backoffice.vabo-n.com/products/SP/17

Facebooktwittergoogle_pluslinkedinmailby feather
twitterby feather

3 Kommentare auf “Nahrungsergänzungsmittel einschätzen lernen

  • 12. Februar 2017 at 11:34
    Permalink

    Mir ist es rätselhaft, dass es noch immer Menschen gibt die solche Produkte kaufen. Mittlerweile sollte es sich doch schon in der kleinsten Gehirnwinde herum gesprochen haben, dass sie eher kontraproduktiv sind

    antworten
  • 13. März 2017 at 09:09
    Permalink

    Sehr geehrte Fr. Dr. Aspalter!
    Ihr Artikel hat mein Interesse erregt! Ich befasse mich dank meiner eigenen Krankengeschichte seit einiger Zeit mit veganer Ernährung. Seit Dezember lebe ich zu 95 % vegan, die letzen 5 % verdanke ich meinen ignoranten Mitmehnschen, die mir ständig Steine in meinen Weg rollen, was mich aber nicht aufhalten wird, sondern mich mehr und mehr wachsen lässt. Ich bin seit Dezember auch auf der Suche nach „Hautgesundheit“ denn was man sich da so ins Gesicht und auf den Körper schmiert ist der absulute Wahnsinn!!! Dabei bin ich auf die Firma Ringana gestoßen. Ich habe auch schon somanches Seminar von Ringana besucht, leider werden die Produkte auch in einem Pyramidenähnlichen System vertrieben, doch dachte ich trotz anfänglicher Ablehnung, die richtigen Produkte gefunden zu haben, nun bin ich jetzt etwas verunsichert und bin Ihnen, sofern sie Ringana kennen, für Ihre geschätze Meinung unendlich Dankbar. Vielen Dank

    antworten
  • 19. März 2017 at 12:57
    Permalink

    Liebe Frau Reisenbauer,

    bitte entschuldigen Sie die späte Antwort! Ich hab es einfach nicht früher geschafft!

    Bei Ringana denke ich, passt sehr viel. Ich kenne bisher nur die Nahrungsergänzung. Aber die Herstellungsweise ist in Ordnung und vor allem finde ich die Produktdeklaration vorbildlich. Es werden die Zutaten und Zusätze – natürlich ohnehin Vorschrift – angegeben, aber auch Einzelsubstanzen aus den einzelnen Extrakten, welche eine besondere Rolle spielen, in Mengen angegeben. So hat man einerseits ein Bild über den Gestalt von bestimmten sekundären Pflanzeninhaltstoffen, und gleichzeitig sind es „Ganzpflanzenekrtrakte“, welche alle, auch die noch unbekannten aber möglicherweise wichtigen Substanzen beeinhalten.

    Wo ich noch keinen solchen Einblick habe, ist in die Zusammenstellung der Extrakte, hier ist mir der Grund für manche der Kombination nicht ganz so klar.

    Kurzum: ich denke, dass diese Produkte durchaus genommen werden können.

    Mit freundlichen Grüßen
    Dr. Rosa Aspalter

    antworten

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.