Nur zwei Drittel der EU-Bevölkerung isst täglich Obst und Gemüse!

Obstschale

 

 

 

 

 

 

Die Empfehlung vieler Ernährungsfachgesellschaften lautet, täglich zumindest 5 Portionen Obst und Gemüse zu essen. Aber 34% der EU-Bevölkerung isst nicht einmal täglich Obst oder Gemüse! Das ist das Ergebnis nationaler Umfragen, welche nun vom Eurostat-Büro veröffentlicht wurden.

Die Empfehlungen der Ernährungsgesellschaften

Die Empfehlung vieler Ernährungsfachgesellschaften lautet, täglich zumindest 5 Portionen Obst und Gemüse zu essen. Jene der WHO lautet: zumindest 400g. Diese beiden Empfehlungen entsprechen einander relaitv gut, wenn man als eine Portion 1 Stück Obst oder Gemüse oder, etwa bei Beeren oder großen Gemüsearten, eine Hand voll davon nimmt. Ausgenommen davon sind Kartoffeln und andere stärkehältige Knollenfrüchte sowie Fruchtsäfte. In Foren und Online-Tageszeitungen kann man dazu ja nicht gerade die hellsten Kommentare lesen, wie etwa: „Ich esse ja keine 5 Mahlzeiten am Tag! Wie soll ich da auf 5 Portionen kommen?) – Kurze Antwort: Es ist keine große Affäre, diese 5 Portionen zu erreichen:

1 Portion Obst im Frühstücksmüsli
1 Suppe mit Gemüseeinlage
1 Portion Salat
1 Portion Gemüse (als Hauptspeise dürfen wohl bereits 2 Portionen gerechnet werden)
1 Stück Obst zwischendurch

Da geht sich noch einiges aus, etwa ein Obstdessert, ein Salat oder Gemüse im Snack am Abend. Wer sich vegetarisch oder vegan ernährt, kommt fast zwangsläufig über diese 5 Portionen, sofern es sich nicht um „Junkveganer“ handelt, die sich lediglich von veganen Würstchen, veganen Burgern und veganen Muffins ernähren.

Nur 2/3 der EU-Bürger essen täglich Obst und Gemüse

Aber zurück zu den Daten. 34,4% der befragten EU-Bürger essen nicht einmal eine Portion Obst oder Gemüse pro Tag. Das Land, welches in dieser Kategorie führend ist, ist Rumänien. Hier sind es sogar 66% der Befragten, welche angeben, nicht täglich Obst und Gemüse zu essen. In Bulgarien hingegen sind es nur 16%. Auch das UK weist mit 21% relativ geringe Nicht-täglich-Obst/Gemüse-Esser auf. Bereits diese Zahlen lassen Zweifel an der Glaubwürdigkeit der Daten aufkommen. Während Bulgarien und Rumänien sozioökonomisch und kulturell relativ vergleichbar sind, stellen sie hier die zwei Extrempole in dieser Kategorie dar. Und England, welches zu den industrialisiertesten Ländern zählt, und zu einem großen Teil auf Lebensmittelimporte angewiesen ist, eine Öl triefende Fish-and-Chips-Kultur entwickelt hat, sollte hier führend sein? Wie auch immer.

Fünf am Tag

Nur 14% der Befragten EU-weit essen 5 Portionen pro Tag oder mehr. Nach Ländern aufgeschlüsselt, führt hier wiederum UK mit 33%. Schlusslicht in dieser Kategorie ist die Türkei (welche sich der Umfrage angeschlossen hat) mit sage und schreibe 3%. Der Eurostat-Report übertitelt das als scheinbar erfreuliche Nachricht so: „Jede siebente Person im Alter ab 15 Jahren isst mindestens 5 Portionen Obst oder Gemüse pro Tag“. Hallo!? Dies sollte der Bevölkerungsschnitt sein und nicht nur etwa ein Zehntel!

Hier sind die Daten für Deutschland und Österreich:

Land

nicht täglich 1-4 Portionen

5 Portionen oder mehr

Deutschland

45,2

44,9

9,9

Österreich

31,8

61,1

7,2

EU-Durchschnitt

34,4

51,4

14,1

Dieser Statistik nach sind die Deutschen vor allem Nicht-täglich-Obst/Gemüse-Esser, während der EU-Schnitt und Österreich die Wenige-Portionen-Obst/Gemüse-Esser sind. Beide Länder liegen, gemessen an der Fünf-am-Tag-Regel sogar noch weit unter dem EU-Schnitt.

Statistisches Vorgehen mit vielen Fragen

Nun aber zu dieser Statistik selbst bzw. zu den Methoden. Bei dem EHS (European Health Survey, Europäische Gesundheitsdatenfragebogen) werden alle 5 Jahre Daten zu gesundheitsrelevanten Fragen erfasst. Eurostat scheint hier dabei die Fragen zu definieren, welche dann von den nationalen Behörden entweder als eigene Erhebung durchzuführen sind, aber auch im Rahmen ohnehin durchgeführter Umfragen erhoben werden können. Die Befragungen konnten direkt in Form eines persönlichen Interviews gestellt werden, der Fragebogen per Post verschickt werden oder auch online durchgeführt werden. Es handelt sich aber in jedem Fall um Selbstangaben der Befragten.

Zu den „Minimalstandards“ der nationalen Behörden wird unter „Confidentiality – data treatment“ folgendes angegeben:

  • An estimate should not be published if it is based on fewer than 20 sample observations or if the non-response for the item concerned exceeds 50%.
  • An estimate should be published with a flag „low reliability“ if it is based on 20 to 49 sample observations or if non-response for the item concerned exceeds 20% and is lower or equal to 50%.
  • An estimate shall be published in the normal way when based on 50 or more sample observations and the item’s non-response does not exceed 20%.

Deutsche Übersetzung:

  • Eine Schätzung sollte nicht veröffentlich werden, wenn sie auf weniger als 20 Befragungen beruht oder mehr als 50% den Fragebogen nicht beantwortet haben.
  • Eine Schätzung sollte als „nicht zuverlässig“ markiert werden, wenn sie auf 20-49 Beobachtungen beruht oder wenn 20-50% der Befragten den Fragebogen nicht beantwortet haben.
  • Eine Schätzung soll in der vorgesehenen Weise veröffentlicht werden, wenn zumindest 50 Beobachtungen vorliegen und die Non-Responderrate (Rate der Nichtbeantwortungen) 20% nicht übersteigt.

Diese Zahlen überraschen nun doch. Sie widersprechen auch dem Handbuch zur Durchführung der Umfrage, in welcher für Österreich an die 6.000, für Deutschland ca.15.000 und für die gesamte Umfrage eine Studienpopulation von 210.000 angepeilt wird. Eine Anfrage um Klärung des Sachverhaltes habe ich abgesendet.

Eurostat bietet auch das Datenmaterial selbst online an. Leider aber sind hier weder die Anzahl der Befragten, noch die Rücklaufquote ersichtlich. Es werden nur die Antworten nach Prozent der Häufigkeit aufgeschlüsselt. Eine andere Möglichkeit gibt es nicht. Außerdem spiegeln die Daten im Report nicht die online zugänglichen Daten wider. Es finden sich beispielsweise keine Daten zur Antwortoption „Fünf am Tag“. Im Report sind immer „Gemüse“ und „Obst“ gemeinsam genannt. Online gibt es nur die Parameter „Gemüse und Obst“ getrennt. Und selbst, wenn man sich hier einen provisorischen Durchschnittswert errechnet, kommt man nicht auf die im Report genannten Zahlen.

Somit dürften also diese Zahlen, welche ohnehin nicht sehr für eine gesundheitsbewusste Ernährung sprechen, eher noch zu optimistisch dargestellt sein.

Quellen:
Foto: R. Rayan

zum Report
zu den Confidentiality-Bedingungen
zum Handbuch des EHS
zum Online-Datenmaterial

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