Warum nicht automatisch Vitamin B12 substituieren?

Vitamin B12

 

 

 

 

 

 

Viele Ernährungsfachgesellschaften und auch vegane Gesellschaften empfehlen die Substitution von Vitamin B12 bei ALLEN, die sich vegan ernähren. Bisher wurden auch keine Nebenwirkungen selbst bei hohen Dosen an Vitamin B12 berichtet. Ich erkläre hier aber meine Bedenken, warum eine automatische Substitution von Vitamin B12 zu einem Gesundheitsrisiko werden könnte.

Gleich vorweg: Ich bin generell kein Freund von isolierten Vitamin- und Vitalstoffpräparaten. Sie haben zwar den Vorteil, dass man die Dosis kennt, die man zu sich nimmt. Jedoch ist es eine Illusion, zu denken, der Körper würde nur die paar Substanzen benötigen, welche wir inzwischen mit biochemischen Methoden entdecken und in ihrer Wirkungsweise aufklären konnten. Es ist oft eine Kombination vieler Substanzen, welche die uns bekannten positiven Wirkungen hervorrufen. Wie auch immer. Ein Mangel an Vitamin B12 kann Anämie (unter 200 ng/l) aber auch irreversible neurologische Symptome (unter 30 ng/l) hervorrufen und muss deshalb substituiert werden.

Doch ist dies tatsächlich bei jedem vegan lebenden Menschen der Fall? Ich beobachte nun bereits viele solcher „Patienten“ und sehe, jetzt mal ganz grob geschätzt, nur in etwa 50% der Fälle Bedarf für Substitution Umgekehrt hatte ich bisher vier schwere Vitamin B12-Defizienzen entdeckt, zwei davon waren aber Nicht-Veganer! Doch klar ist auch: Tendenziell haben vegan lebende Menschen niedrigere Vitamin B12 Werte und dies ist gut erklärbar mit dem Faktum, dass eben nur Bakterien Vitamin B12 produzieren.

Warum aber könnte eine Vitamin B12-Substitution bedenklich sein? Meine Überlegungen habe ich in meinem ersten Beitrag zu diesem Thema bereits angedeutet. Hier möchte ich im Detail darauf eingehen. Es hilft immer, sich zu fragen, ob ein „Zuviel“ oder ein „Zuwenig“ schädlicher ist und Sie können sich mit ziemlicher Sicherheit darauf verlassen: Die Evolution hat nach Millionen Jahre bewährter Erfahrung es so eingerichtet, dass er jene Substanzen, die dem Körper eher schaden als nützen, eher knapp hält. Denn in solchen Fällen ist ein Zuwenig eher mit dem Überleben vereinbar als ein Zuviel. Zu diesen Substanzen gehört Eisen, aber auch Vitamin B12. Verstärkt wird diese Sichtweise noch dadurch, dass es ja im Körper nicht wirklich einen Vitamin B12-Mangel gibt. Unsere Darmbakterien im Dickdarm produzieren haufenweise davon. Wir scheiden es nur aus. Die Aufnahmestelle für den Komplex aus Vitamin-B12 und Intrinsic Factor (der im Magen gebildet wird) liegt höher oben: im Dünndarm. Zufall? Ich denke: eher nicht! Dieser Umstand ließ mich vermuten, dass es für den Körper wichtig ist, sich vor einem Zuviel an Vitamin B12 zu schützen.

Nun sind aber, laut Beteuerung so vieler Wissenschaftler und Fachkräfte, keine negativen Auswirkungen selbst von hohen Vitamin B12-Mengen bekannt! Hat man bisher je auf den Zusammenhang von Vitamin B12 und Krebsrisiko geachtet? Ich vermute: viel zu wenig!

Je mehr  ich aber über unsere Ernährung nachdenke, desto klarer wird mir, dass wir mit unserer Ernährungsweise unseren Körper aufs Äußerste strapazieren. Wir stimulieren nämlich Zellwachstum auf „Teufel komm raus!“. Wie das?

Ebene 1: Kalorien und Zucker (Glucose)

Wir essen heute nicht nur sehr zuckerreich, sondern insgesamt sehr kalorienreich. (Der Konsum an Zucker ist von ca. 1kg / Jahr im Jahr 1800 auf ca. 60-70 kg / Jahr im Jahr 2000 geschnellt.) Das ergibt viel Insulin und weitere, ähnliche Wachstumsfaktoren. Dass diese einen Zusammenhang zur Krebshäufigkeit haben, ist unumstritten und ist auch gut nachvollziehbar. Zellwachstum mehr und mehr stimuliert bedeutet eben irgendwann: Krebs.

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Ebene 2: Baumaterial für viele Zellen

Wir stimulieren nicht nur das Zellwachstum, wir essen auch noch reichlich tierische Proteine und geben damit diesen vielen, vielen neuen Zellen alles Baumaterial, welches sie benötigen. Würden wir uns auf pflanzliche Lebensmittel beschränken, würden wir allein schon damit einem überschießenden Zellwachstum Grenzen setzen.

Ernärhung2

Ebene 3: Auch die DNA muss sich vermehren

Wenn sich Zellen teilen, müssen nicht nur Zellwand, Membranen und andere Zellbestandteile synthetisiert werden, es müssen auch die Chromosomen zuvor verdoppelt werden, damit dann jede Tochterzelle auch ihren vollständigen Chromosomensatz besitzt. Dazu wird Vitamin B12, aber auch Folsäure benötigt. Während tierisch betonte Ernährung zu einer reichlichen Versorgung mit Vitamin B12 führt, sind wir tendenziell mit Folsäure unterversorgt. Welch ein Glück, könnte man sarkastisch meinen. Denn hier gibt es endlich einmal eine Grenze, die diesem grenzenlosen Wachstumszwang Schranken setzt.

Ernärhung3

Wissen Sie, was passiert, wenn man Folsäuresupplemente gibt? Die Krebsrate steigt! Viele Forscher wundern sich darüber und bezeichneten dies als völlig unerwartetes Ergebnis. Ist es aber wirklich so überraschend? Wenn alles maximal stimuliert ist und zur Zellteilung nur noch die Folsäure fehlt, dann schießt die Zellteilung eben ordentlich los, wenn nun Folsäure vorhanden ist! Das zeigt sehr schön, dass die Wirkung von einzelnen Nährstoffen niemals einfach aus einem „Nährstoffkatalog“ allein heraus gelesen werden kann, sondern es immer von der Situation abhängt, in der diese zugeführt werden. Die Verwunderung ist auch umso überraschender, als die bekanntesten derzeit eingesetzten Chemotherapeutika Folsäureantagonisten sind!

Und warum sollte es hier bei Vitamin B12 anders sein? Warum haben Veganer so selten Krebs? Könnte möglicherweise ein niedriger Vitamin B12-Spielgel damit zu tun haben? Eine der wenigen Studien, welche Vitamin B12 Supplementierung untersuchte, fand in der Tat ein erhöhtes Risiko für Speiseröhrenkrebs (1)!

Die Conclusio:

  1. Nie einfach blind Vitamin B12 substituieren! Erst schauen, ob tatsächlich der Bedarf dazu besteht!
  2. Nie einem Krebspatienten Vitamin B12 verabreichen, es sei denn, er habe gefährlich niedrige Vitamin B12-Werte -und auch dann eher langsam.
  3. VeganerInnen sind besser versorgt mit Folsäure, aber so gut wie nie überversorgt (wenn sie nicht substituieren). Wäre das nicht der bessere weil sicherere Weg, Fehlbildungen während der ersten Schwangerschaftsmonaten vorzubeugen als eine Folsäuresubstitution? Die Frage sollte jedenfalls in Anbetracht der ungünstigen Faktenlage zur Folsäuresupplementierung gerechtfertigt sein.

Quellen:

  1. Ibiebele TI, Hughes MC, Pandeya N, Zhao Z, Montgomery G, Hayward N, Green AC, Whiteman DC, Webb PM; Study of Digestive Health; Australian Cancer Study. High intake of folate from food sources is associated with reduced risk of esophageal cancer in an Australian population. J Nutr. 2011 Feb;141(2):274-83.

Photo und Graphik: R. Aspalter

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3 Kommentare auf “Warum nicht automatisch Vitamin B12 substituieren?

  • 21. August 2016 at 10:55
    Permalink

    Guten Tag Frau Aspalter

    Ich verfolge seit längerem Ihre Geschichte und wünsche Ihnen von Herzen weiter gute Gesundheit.
    Ich hätte eine Frage zu Vitamin B12 und Folsäure. Ich ernähre mich konsequent seit 2 Jahren vegan und bin sehr gut über Nährstoffe informiert. Mein Essensplan ist abwechslungsreich. Meine Blutwerte sind normal. Bald möchten wir ein Kind und ich habe meinen Frauenarzt auch informiert, dass ich keine tierische Lebensmittel esse. Immerhin ist er nicht negativ eingestellt. Vitamin b12 suplementiere ich, weil man es als Veganer tun muss. (Täglich 1000 mikrogramm + Zahnpasta) jetzt hat mir der Frauenarzt als Vorsorge Folsäure 2mal die Woche suplementieren empfohlen.
    Könnte diese Kombination bei Veganer auch kritisch sein? Oder nur in Kombination mit tierischen Eiweiss und Fette?
    Besten Dank für eine kurze Info.
    Freundliche Grüsse
    Tori

    antworten
    • 22. August 2016 at 01:02
      Permalink

      Liebe Tori,

      erstmals danke für Ihre lieben Wünsche!

      Wenn Sie tatsächlich so essen, dass auch die erste Schiene (erste Graphik) nicht ausgereizt wird (also z.B. viele vegane Süssigkeiten), dann ist die Sache tatsächlich entspannter zu sehen und es sollte kein Risiko damit verbunden sein.
      Meine Empfehlung ging – angesichts der Bedeutung, einen Neuralrohrdefekt zu vermeiden – auch nicht in die Richtung, es zu lassen, sondern es einmal zu untersuchen!

      Alles Gute und Liebe!
      Dr. Rosa Aspalter

      antworten
  • 19. September 2016 at 10:08
    Permalink

    Wie machen andere Säugetiere dies, für die B12 genauso wichtig ist wie für uns Menschen?

    Hier ergeben sich zwei Möglichkeiten:

    Einerseits nehmen viele Tiere B12 über Kot auf, den sie essen und andererseits wird verwertbares B12 durch Bakterien direkt auf Früchten, Blättern und so weiter produziert, welches durch die gesetzlich vorgeschrieben hygienischen Maßnahmen abgewaschen wird und da dieses rein auf der Schale beziehungsweise Außenhaut der Pflanzen und Pilze produziert wird und somit durch diesen Reinigungsprozess nicht mehr für den Konsumenten vorhanden ist.

    Die erwähnten Bakterien verwenden für die Umwandlung Cobalt, welches in industriell verwendeten Böden kaum mehr vorhanden ist.
    Cobalt ist derart essenziell für die Produktion von B12, das dessen chemischer Oberbegriff sogar namentlich davon ableitet: Cobalamin

    Drastisch formuliert ist eine vegane B12 Aufnahme ohne Supplemente also gesetzlich verboten, jedenfalls was den gewerblichen Handel betrifft.

    Früher ist die B12 Synthese im menschlichen Körper zwar nachgewiesen gewesen, jedoch nur im Dickdarm, was nach aktuellen Kenntnisstand bedeutet, dass das B12 nicht „zurück“ in den Dünndarm wandern kann, wo es aufgenommen wird.

    Heute kennen wir 3 als gesichert geltende Bakterienstämme, welche fähig sind, verwertbares B12 zu produzieren: http://www.vitaminb12.de/darmbakterien/

    Jedenfalls weise ich darauf hin, dass es einen weiteren, wichtigen Unterschied zwischen menschlicher Vitamin B12 Zufuhr und der von nicht-menschlichen veganen Säugetieren gibt:

    Medikamente, Alkohol, dauerhafter Stress und unpassende Ernährung können die Aufnahmefähigkeit verschiedenster Nährstoffe beim Menschen hemmen, dies ist wohl bekannt.

    Unser Körper ist ein komplexes Wunderwerk und schützt sich durch biochemische Prozesse vor der Misswirtschaft, welche die aller meisten Menschen ihren Körpern angedeien lassen.

    Wenn wir uns jedoch viele Jahrzehnte von ungesunden Nahrungsmitteln ernähren und dann auch noch erwarten, dass unser Körper und insbesondere der Darm, tip top gesund bleibt, ist dies wohl ein typischer Fall von menschlich – illusionärer Fehleinschätzung.

    Und exakt die omnivore Ernährung des Menschen steht im Verdacht, die Aufnahme verschiedener Nährstoffe, darunter auch Vitamin B12, zu hemmen, andere Gründe sind wie erwähnt dauerhafter Stress, Alkohol und Medikamentenzufuhr.

    Es gibt viele Erfahrungsberichte von rein vegan lebenden Menschen, die nach Jahrzehnten erfuhren, das sie eigentlich gar nicht gesund sein dürften, weil ihnen gemäß der gängigen Lehrmeinung eigentlich B 12 fehlen müsste, was nicht der Fall ist.

    Hier eine Übersicht über die verschiedenen Formen von B12: http://www.vitaminb12.de/praeparate/test/

    Als B 12 Kontrolltest eignet sich die Holo-TC und MMA Variante.

    Die heutigen B 12 Supplemente werden meistens aus Bakterienkulturen hergestellt und sind somit als organisch einzuordnen.

    Ich persönliche halte eine unreflektierte Supplementierung mit Vitamin B12 deshalb nur für sekundär sinnvoll, da sie einerseits sowohl dem Konsumenten, als auch seiner Umgebung suggeriert, dass eine seiner Spezies entsprechende Ernährung Pillen oder Kapseln benötigt, was natürlich im Widerspruch zueinander steht.

    Solange die Menschen allerdings in Städten leben, respektive aus anderen Gründen an naturnahe Nahrung (noch) nicht herankommen, ist eine Supplementierung ratsam, solange auch eindeutig darauf hingewiesen wird, wieso dies passiert,

    Wird darauf vergessen, suggeriert dies den Menschen, dass vegane Ernährung per se unnatürlich für sie ist.

    Wenn mich damals jemand darauf aufmerksam gemacht hätte, das die meisten veganen Menschen Vitamin B12 (oder einen anderen Nährstoff) durch Nahrungsmittelzusätze zu sich nehmen und sie davon ausgehen, das diese Ernährungsform ohne jene Zusätze in dramatischen gesundheitlichen Einschränkungen resultieren wird, wäre ich wohl vielleicht davon ausgegangen, das Veganismus keine sinnvolle Entscheidung ist.

    Heute bin ich mir selbst jeden Tag dankbar, dass ich gemäß meiner Ethik, dem menschlichen Körperbau und meinem Umweltbewusstsein lebe: Vegan.

    antworten

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