1000 Strohhalme

Stroh

 

 

 

 

 

 

Als Krebspatient sucht und erhält man auch viele Tipps. Dies soll gut gegen Krebszellen sein. Und jenes auch. Von Ilse habe ich von dem heilenden Stein erfahren und von Jürgen wieder von einer anderen Therapie. Alles hilft vielleicht ein wenig. Und wenn ich vieles mit wenig Effekt mache, dann…. nun dann …..vielleicht? Geht diese Rechnung auf?

Vielleicht bin ich ein zu nüchterner Mensch. Aber es ist nicht so, dass ich nicht den Schock erlebt hätte, als ich mit der Diagnose Krebs konfrontiert war. Als ich erfuhr dass Lymphknoten befallen waren und ich daher Chemotherapie benötige. Als ich von einer Lungenmetastase erfuhr und mir mein Bruder da erklärte, wie diese operiert würde. Mit einem dicken Tubus, weil man die eine Lungenhälfte, an der operiert würde, zusammenfallen lassen müsse. „Nein, bitte nicht!“ schrie ich da innerlich auf. Ich kenne auch das blanke Entsetzen, als ich hörte, dass der Tumor so gestreut hat, dass nicht mehr operiert werden könne. Aber ich war insofern sehr nüchtern, als ich nichts Spekulatives machen wollte, nur der Beruhigung halber. Nichts, von dem ich nicht wusste, ob es helfen würde oder zumindest in realistischer Weise helfen könnte. Und das auch nicht in den schlimmsten Momenten.

Ich wusste: Die Angst, welche sich da ausgebreitet hatte, die würde auch mit „Scheintherapien“ nicht vergehen. Und ich wollte meinen Körper nicht noch mehr unter Behandlungsstress setzen als ich ohnehin schon genötigt war. Und vor allem: Ich wollte nicht NUR krank sein. Ich wollte auch noch leben, schaffen und Schönes erleben. Der Zeitpunkt, wo ich entweder total abgemagert oder mit metastatisch aufgetriebenem Blähbauch ans Bett gefesselt war und nur mehr an einer Nährinfusion hing, von der mir auch noch schlecht war, weil man sie bis zum gerade noch Erträglichen fett mischt (um möglichst viele Kalorien zuzuführen) schien damals nicht so weit entfernt zu sein.

Und ich habe damals sicher ein paar Freundinnen, Freunde und Angehöre brüskiert, weil ich barsch deren Therapievorschläge abgelehnt habe. Dabei wollten sie ganz sicher nichts anderes als helfen und etwas gegen den eigenen Schock tun.

Denken Sie sich nun das Gegenteil einer Chemotherapie aus. Seelenbalsam in Form einer Infusion, oder so etwas Ahnliches. Genau das war zu diesem Zeitpunkt das Buch „Die China Study“ für mich. Es war genau das, was ich brauchte: Wissenschaftlich fundierte, sauber publizierte Fakten. Und vom Umfang her nicht zu mickrig. Das war es, worauf ich mich nach meiner bescheidenen wissenschaftlichen Einschätzung „verlassen“ konnte. Etwa ein Monat benötigte ich noch, um die Studien im Original durchzusehen, um noch weitere Fakten zu überprüfen. Dann stand fest: das hält stand. Und ich wechselte zu einer rein pflanzlichen Ernährung. Die Kombination mit der empfohlenen ganz klassischen Schulmedizin erschien mir optimal. Beide zusammen dürften sich in ihrer Wirkung ideal ergänzen. Und nie wäre ich auf den Gedanken gekommen, da auch noch etwas anderes versuchen zu wollen.

Obwohl ich diese Geschichte schon mehrfach erzählt habe, und ich die überragende Bedeutung dieses Schrittes immer wieder darzustellen versuche, sehe ich aber immer wieder auch folgendes: Menschen, Krebsbetroffene, kommen tief berührt von meiner Geschichte zu mir, schreiben mir, rufen mich an. Und selbst Menschen, die sich im Rahmen der Studie zu einer veganen Ernährungsweise entschließen (was nicht unbedingt erforderlich ist), fragen mich oft: Wie steht es mit Aprikosenkernen, wie mit Q10, wie mit Moringa und vieles, vieles mehr. Es scheint sehr schwierig für viele zu sein, zu glauben, dass dieser eine Schritt (weg mit dem tierischen Eiweiß) das Gros der Wirkung ausmacht. Alles andere ist möglicherweise unterstützend, aber nicht viel mehr als Beiwerk.

Manche erzählen voller Stolz, was sie alles so an Therapien machen. Ein ganz besonders bemerkenswertes Beispiel möchte ich Ihnen nicht vorenthalten:

multiple Therapien

 

Manchmal kommt es auch nicht als Stolz, sondern als Klage über die unermesslichen Summen, die diese vielen Therapien verschlingen. Manchmal ist es einfach in einer großen Tonne Missverständnis verpackt: Patienten wenden sich an mich, um von mir Tipps und Adressen für alternative Behandlungen zu erhalten! Diese Menschen merken nur: Nicht ganz Schulmedizin, sind aber leider nicht in der Lage, das völlig „Rationale“ an dem Therapieansatz zu sehen. Diese Patienten muss ich immer ganz besonders enttäuschen. Ich bin kein Wunderheiler und ich kenne auch keine solchen.

Was aber treibt viele Krebspatienten dazu, alle nur erdenklichen Therapien ergreifen zu wollen, in wilder Auswahl, und sogar manchmal sich gegenseitig aufhebend, oder noch schlimmer: mit nachteiligen Wirkungen? Es gibt nämlich Studien, welche zeigen, dass sich die – oft ohnehin schwierig genug nachzuweisenden – positiven Wirkungen alternativer Therapieansätze in ihr Gegenteil verkehren, wenn zu viel davon kombiniert werden. Im obigen Beispiel kollidieren da etwa Säure bildenden und Basen bildende Therapien und andere Gegensätze mehr.

Was trieb einen ganz liebenswürdigen Freund mit Zungenkrebs dazu an, viele, viele teure Infusionstherapien mit Elektrolyten, Vitaminen, einem angeblich Krebs tötenden pflanzlichem Extrakt über sich ergehen zu lassen um dann innerhalb weniger Monate doch zu sterben? Gewiss war es Angst. Gewiss ist es auch extrem schwer auszuhalten, nichts mehr zu tun. Es mag auch wirklich einigen helfen, sich einfach nur wohler zu fühlen! Aber als ich gestern sogar von einer amerikanischen Patientin und deren Angehörigen gefragt wurde, ob ich ihnen hier ein alternativmedizinisches Zentrum suchen könnte, obwohl sie nach eigenen Worten mein Therapieansatz angesprochen hatte, da dachte ich: Sie sind nicht überzeugt davon. Sie suchen weiter. Und womöglich bedeutet es, dass Sie, liebe/r PatientIn ebenso wenig überzeugt sind, von dem was Sie machen, wenn Sie binnen weniger Wochen bereits die nächste Therapie ergreifen?

Bitte halten Sie inne! Bleiben Sie ruhig und achten Sie gerade jetzt auf die Fakten. Gerade jetzt! Weil es jetzt eben nicht nur um Emotionen, sondern um wesentlich mehr, um das Überleben geht!

Quellen:
Photo: straw isolated on white, istockphoto.com
Folie: R. Aspalter

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5 Kommentare auf “1000 Strohhalme

  • 28. November 2015 at 20:52
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    Liebe Frau Asphalter,

    seit Längerem beschäftige ich mich intensivst, aber eben leider nur als Laie mit Fragen der Ernährung.
    Gerade das Thema „Tierisches Eiweiß“ verunsichert mich dabei zutiefst. Es gibt ja nun viele Befürworter der eiweißreichen Kost in sämtlichen Spielarten, die z.T. ganz im Gegenteil zu Ihrem Ansatz gerade das tierische Eiweiß hypen und quasi als Waffe gegen den Krebs bzw zur Stärkung des Immunsystems propagieren ( Dr Strunz; Prof. Kämmerer etc). Diese Vertreter wiederum versuchen ja gerade die China Study als völlig falsch, methodisch unsauber oder nicht richtig interpretiert darzustellen. Mir fehlt hier leider das Hintergrundwissen, ich lese immer nur von solchen, die die Ergebnisse der China Study komplett für sich übernehmen oder aber von jenen, die sie für kompletten Humbug halten.
    Ich würde mich sehr über einen gern auch sehr knapp gefassten Artikel freuen, was Sie von der Richtigkeit Cambells Ergebnisse überzeugt bzw was Sie von den Argumenten der Gegner halten.
    Mir will es nicht in den Kopf, warum so eine scheinbar simple, zumindest aber aufzuklärende Frage wie die der Wirkung tierischen Proteins nicht sicher geklärt sein kann und dermaßen widersprüchliche Empfehlungen für die „richtige“ Ernährung in der Welt herumgeistern können.
    Ihnen persönlich Wünsche ich weiterhin alles Gute, gesundheitlich, aber auch für Ihre Studie.

    antworten
  • 1. Dezember 2015 at 11:02
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    Liebe Steffi,

    danke für die lieben Zeilen und die guten Wünsche!
    Leider rücken in einem Blog die ersten (meist wichtigsten) Artikeln nach hinten, aber hier ist wohl der Artikel, der Ihnen eine Antwort gibt:
    http://dr.aspalter.at/2014/09/13/ernaehrung-bei-krebs-eiweiss/

    Falls Sie etwas bestimmtes wissen wollen, am Besten die Suchfunktionen oben rechts nützen!
    😉

    Liebe Grüße
    Rosa Aspalter

    antworten
  • 15. September 2016 at 21:14
    Permalink

    Hallo,

    die folgende Kritik kann ich absolut NICHT in allen Punkten unterschreiben, aber zumindest der Punkt „Statistiken und Korrelationen“ ist IMHO zutreffend:

    http://vegane-gesellschaft.de/archives/61-Die-China-Study-und-die-Unkritischen.html

    Zum Glück gibt es außer der China Study eine beträchtliche Menge anderer Quellen, die (zumindest für mich) schlüssig darlegen, warum tierisches Protein kein Bestandteil unserer Ernährung sein sollte.
    -) Neal Barnard
    -) Michael Greger
    -) Dean Ornish
    -) Caldwell Esselstyn
    -) Joel Fuhrman
    -) Michael Klaper

    Auch immer wieder schön: Das Video von Milton Mills „Are we designed to eat meat?“

    https://www.youtube.com/watch?v=Ee25u3YccHk

    BTT:
    Die „Verlockungen“ der 1000 Strohhalme … von Marillenkernen bis Wünschelrute, von Moringapulver (das oft erstaunliche Mengen an Salmonellen enthält …) bis Basensocken (ja, es gibt Ärzte, die sich nicht zu schäbig sind, für BasenSOCKEN zu werben!!) … wenn man „mit einem Fuß im Grabe“ steht, ist oft jeder Hoffnungsträger willkommen.
    Auf der einen Seite braucht man jeden Hauch positiver Energie, die man kriegen kann, um mit der Krankheit umzugehen und die Behandlungen durchzustehen. Und was Hoffnung auf Heilung verheißt, bringt vielen Menschen diese positive Energie.
    Auf der anderen Seite steht dieses „viel hilft viel“, wo manche sich zum Teil wirklich aberwitzigen alternativen Therapien unterziehen, die (Dr. Rosa hat es oben schön erklärt) mehr schaden als nutzen.
    Für die Patienten ist es nach meiner Erfahrung EXTREM schwer, sich von Schulemdizinern seriös zu alternativen Methoden beraten zu lassen – die können doch zum allergrößten Teil noch nichtmal mit veganer Ernährung vernünftig was anfangen! Ich habe in den letzten zwei Jahren fünf Menschen im engeren Umfeld durch Brustkrebs verloren – keiner einzigen!!! hat auch nur ein Arzt gesagt, dass z.B. Alkohol ein absoluter Risikofaktor für BC (zumindest für die meisten Mamma-Ca.) ist und sie ihn daher meiden sollten. Oder was man ernährungstechnisch tun sollte, um die Östrogen-Produktion nicht zu pushen. Als ob das bei Hormonrezeptor-positivem BC bedeutungslos wäre. Chemo, OP, dann Tamoxifen für fünf Jahre und gut. Hallo??? Da kann jemand wie ich nur vor Verzweiflung mit dem Kopf gegen die Wand schlagen, so viel Ignoranz macht mich jedes Mal aufs Neue fassungslos. :-((

    antworten
  • 15. September 2016 at 22:37
    Permalink

    Liebe Andrea,

    vielen Dank für Deinen sehr genauen und informativen Beitrag! Deine Liste an Autoren ist hundertprozentig zu empfehlen!

    Ich denke, die Kluft zwischen Hoffnung und Schabernak sehen wir auch auf sehr gleiche Weise. Und ich verstehe ebenfalls die Schwierigkeit für den Betroffen sehr, sehr gut, sich da zu enthalten!

    Das einzige, womit ich bei allen seriösen Empfehlungen aus dem alternativen Bereich noch nicht so zurecht komme, ist, dass sie leider sehr häufig als „jedenfalls wirksam“ dargestellt werden. Jedenfalls liest es sich oft so. Aber auch diese Maßnahmen haben ihre Limitiationen. Deshalb sind sie aber nicht nutzlos! Zwischen all dem die Balance zu kriegen, ist echt eine Kunst!

    Liebe Grüße
    Rosa Aspalter

    antworten
  • 18. September 2016 at 19:48
    Permalink

    Guten Abend,

    ich habe gerade ein paar interessante Links gefunden:

    Although there isn’t enough evidence to recommend use of reishi mushroom as a first-line treatment of cancer, it may make sense to use it as a adjunct therapy to conventional treatment

    http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/27045603

    http://nutritionfacts.org/video/boosting-immunity-while-reducing-inflammation/?utm_content=bufferc2c27&utm_medium=social&utm_source=facebook.com&utm_campaign=buffer

    http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC3369477/

    Das soll jetzt natürlich keine Aufforderung zum Therapie-Hopping sein, aber ich bin immer wieder fasziniert von dem enormen Potential, dass in Pflanzen steckt.

    LG
    Andrea
    PS: Seit Dr. Rosas Tumormarker wieder gestiegen sind, denke ich – wie so oft – über unser derzeitiges Wissen zu diesen Markern nach. Ich glaube, dass wir ihre Komplexität noch längst nicht erfasst haben und somit auch noch nicht wirklich wissen, wodurch sie beeinflusst werden. Spätestens die übernächste Forschergeneration wird darüber wohl nur mehr milde lächeln …

    antworten

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