Der WHO-Fleisch-Report – Eine Zusammenschau von Reaktionen

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Alle wussten es, dass Fleisch etwas mit Krebs zu tun hat. Und dass der Report der IARC (Internationale Agentur für Krebsforschung) Aufruhr in der Fleischindustrie erzeugen wird, war nur logisch. Wie vehement aber nun einzelne Konsumenten bis hin zu den bekannten Persönlichkeiten, etablierten Medien und Gesundheitsportalen, sich alle darum bemühen, das Fleisch als „eh nicht so schädlich“ oder sogar „gesund“ darzustellen, das überrascht mich nun denn doch.

Am 26.10.2015 hat die IARC verarbeitetes Fleisch als nachgewießenermaßen krebserregend und rotes Fleisch als wahrscheinlich krebserregend eingestuft. Hier eine Zusammenstellung von Reaktionen darauf!

ORF beschwichtigt

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Online-Bericht auf orf.at vom 26.11.2015

Allen voran im Beschwichtigungsmarsch gegen die Fakten geht da der ORF. Tarek Leitner hat zwar in seiner ZIB vom 26.10.2015 ganz nüchtern über den Report berichtet. In dem ersten Artikel auf orf.at nach Veröffentlichung des Reports kommen jedoch fast nur Fleischliebhaber zu Wort. Darunter auch der Forscher zur Hausen, welcher mit seinem „Rindfleischfaktor“ vor etwa einem Jahr für mediales Aufsehen gesorgt hat. Darin meinte er, dass bestimmte Viren im Rindfleisch für ein erhöhtes Krebsrisiko (insbes. Darmkrebs) verantwortlich seien. Und seine Vorstellung war die einer Virenidentifizierung mit nachfolgender Impfstoffentwicklung für Rinder um dann damit das Risiko für den Menschen nach Rindfleischkonsum zu reduzieren. Über die Effektstärke und die Kosten dieser jahrzehntelangen Maßnahmen hat er sich nicht geäußert.

In der ZIB einen Tag nach der Veröffentlichung des Reports versucht man zu beruhigen und warnt vor „Panikmache“. Hierin kommt die Züricher Ernährungswissenschaftlerin Sabine Rohrmann zu Wort. „Nicht jeder, der täglich ein Wurstbrot ist, bekommt Darmkrebs, so wie auch ein Raucher nicht zwangsläufig einen Lungenkrebs kriegt!“ Bravo! Nur zu also!

Ein Landwirtschaftsminister als Trotzbube

Landwirtschaftsminister Rupprechter verteilt Wurst- und Speckjause im Parlament!

Landwirtschaftsminister Rupprechter verteilt Wurst- und Speckjause im Parlament!

Eine eigene Kategorie ist da der Landwirtschaftsminister Andrä Rupprechter. Er nimmt gleich gar nicht Stellung zu den Daten, sondern verteilt „jetzt erst recht“ Wurst und Speckjause im Parlament. Er meint, der Report sei eine Farce und verunsichere die Österreicher! Und Österreichs Wurst sei die „bedenkenlos“ die Beste! Mag sein. Über die Gesundheit sagt das aber weniger aus, als von einem Minister, der immerhin auch in gewisser Weise für das leibliche Wohl der Menschen im Lande zuständig ist, erwartet werden darf.

 

Fatalismus als Antwort

Artikel in "die Zeit" vom 27.10.2015, © pollography/photocase.com

Artikel in „die Zeit“ vom 27.10.2015, © pollography/photocase.com

„Wir müssen alle sterben“ schreibt „die Zeit“. Jawohl. Müssen wir. Aber es ist doch ein Unterschied, ob nach jahrelanger Qual mit Chemo, Strahlentherapie & Co oder als gesund und geistig wie körperlich beweglich gebliebene alternde Menschen. Statt sich in diesem Fatalismus zu ergeben, könnte auch daran gedacht werden, sich Alternative zu suchen. Es könnte zum Anlass genommen werden, mal ernsthaft über das nachzudenken, was wir als „normale Ernährung“ verstehen! Und genauso kreativ zu sein, neue, wohlschmeckende, aber gesunde Alternativen zu entwickeln, wie wir es in den letzten Jahrzehnten hinsichtlich fleisch- und zuckerhältiger Produkte waren. Wie wäre das, hm?

Abwägen mit nicht sehr brauchbaren Zahlen

Spiegel

Artikel im „Spiegel“, Picture taken February 6, 2006. TO ACCOMPANY FEATURE FOOD-CROATIA-EU REUTERS/ Nikola Solic

Wie gefährlich ist Wurst denn wirklich?“ fragt sich der „Spiegel“ und nimmt das Beispiel einer 45-jährigen Frau, welche mit dem Verzehr von 100 g Wurstwaren pro Tag ihr Risiko, an Darmkrebs zu erkranken, von 0.3% auf 0.4% steigere. Ein 65-jähriger Mann steigere sein Risiko damit von 2,4 auf 3,3 %.

Nun muss dazu gesagt werden, dass diese Unterschiede auf Studien basieren, in denen die Ernährungsunterschiede nicht gerade gravierend waren. Sie wurden fast ausschließ in einem sehr westlich orientierten Ernährungsfeld durchgeführt. FAO-Tools bieten die Möglichkeit, sich selbst ein Bild über Ernährungsgewohnheiten in ganz unterschiedlichen Regionen zu verschaffen und diese dann mit der Krebsinzidenz zu verknüpfen. Dabei zeigt sich ein sehr interessantes Bild: Die Krebsrate steigt über dem Konsum von 10g tierischem Eiweiß pro Tag nicht mehr linear, sondern exponentiell an. Und der durchschnittliche Konsum tierischen Eiweißes in unseren Breiten beträgt in etwa 70-80g. Der Autor der „China-Study“ (eine Verzehrsstudie in China, aber auch der Titel eines Buches zu den Effekten tierischer bzw. pflanzlicher Ernährung) kommt zu dem Schluss, dass der gesundheitliche Benefit selbst unter 10g noch steige und die optimale Menge tierischen Eiweißes schlicht und einfach 0 ist. Sieht man sich experimentelle Studien mit tierischem Eiweiß und krebserregenden Stoffen an, sprechen die Ergebnisse eine noch deutlichere Sprache. Dabei scheinen „Schadstoffe“, Chemikalien wie Benzpyrene etc. eine banal geringe Rolle im Vergleich zur schädlichen Wirkung tierischen Eiweißes zu haben. Diese Daten scheinen in der Risikobewertung der IARC gar nicht Eingang gefunden zu haben.

Karikatur Spiegel

Karikatur im „Spiegel“ Nr. 45/2015

Zugegeben, die Ergebnisse der amerikanischen und europäischen Präventionsstudien haben auch mich nie dazu motiviert, meine Ernährung zu ändern. Eine Senkung des Risikos um wenige Prozent scheint durch zufällige Ereignisse ja mehr als in Frage gestellt zu sein. Aber sie reichten immerhin dazu aus, dass Ernährungsfachverbände seit Jahren, wenn nicht Jahrzehnten empfehlen, den Konsum von verarbeitetem und rotem Fleisch zu „limitieren“. Aber was heißt das genau? Nur selten ließ man sich auf eine genauere Empfehlung ein, und wenn, lautete diese meist: 1 x pro Woche!

Schließlich verliert sich aber auch der Spiegel in Zynismus, wenn er von der „Kraft der toten Tiere“ schreibt, die beigefügte Karikatur von sich gibt und „beruhigend“ meint, dass wohl nur wenige Menschen ihr Essverhalten ändern werden.

Sarah Wiener – Expertin ohne Expertise

Sarah Wiener

Artikel in „Die Presse“ vom 30.10.2015, Bild EPA

Und schließlich ist da noch Sarah Wiener, ja genau die, die Fernseh- und Unternehmensköchin. Jene Köchich, die deftige Würste in die bereits heftige Suppe gibt, deren Apfelstrudel süßer als süß und nichts als süß schmeckt. Und jene, die im Rahmen der großen ORF-Kampagne zu Ernährung im März 2007 vor Studiogästen und Millionen Zuschauern Schokopalatschinken kocht! Eine ganze Kampagne bemühte sich da – zumindest dem Veranstalter nach – um ein besseres Ernährungsbewusstsein. Sarah Wiener macht es innerhalb von 5 Minuten zunichte. Und nun sagt sie: Vegan sei absurd. Vegan sei Mangelernährung! So einfach geht das. Glaubenssätze genügen. Die Medien werden’s schon fressen! Siehe Presse!

Ausholen zum Gegenschlag

Clear Food hero-hotdog-report

Foto von der Firmenwebseite zum „Hot Dog Report“

Was für ein Zufall, dass eine private Start-up-Firma, nämlich „Clear Food“, zeitgleich veganen Würsten so manches nicht gerade Appetit anregende nachsagt, wobei allerdings nicht offen gelegt wurde, wie die Untersuchungen durchgeführt wurden. Die Firma legt weder Ihr Ratingsystem offen, noch Ihre Technik, mit der sie bestimmte Lebensmittel testet. Eine offizielle Studie zu Vorwürfen, dass humane DNA in 2% der Produkte und auch tierisches Fleisch darin enthalten ist, gibt es nicht. Aber abgesehen davon: Menschliche DNA kommt bei kleinsten Berührungen auf andere Gegenstände, wie Kriminologen wissen. Wie würde wohl ein Report an „normalen „Würsten“ aussehen? Und könnte dies nicht auch bedeuten, dass die Tester nicht sauber genug gearbeitet haben?

Auch Werbespots dagegen?

BA-CA Werbebanner

Online Werbebanner der Bank Austria Unicredit

Es mag Zufall sein oder nicht, aber taggleich waren Werbebanner der Bank Austria Unicredit online, welche der Story im wahrsten Sinn des Wortes „noch eins drauf geben“. Wie auch immer, Werbung in diesem Stil sollte, so wie das Rauchen, der Vergangenheit angehören.

Wirklich so neu?

Mir ist aber insgesamt die Aufregung nicht ganz verständlich. Seit Jahren raten die Ernährungsfachverbände, den Fleischkonsum, und insbesondere den Konsum von Wurst und geräucherter Produkte, zu reduzieren, wenn sie auch nur selten konkreten Mengenangaben (z.B. 1 x pro Woche) zur Verfügung stellten. Die WHO hat nur offiziell eingeordnet und beim Namen genannt, was jahrzehntelang bekannt war. Und sie hat die doch etwas verwaschenen Empfehlung vieler Ernährungsfachgesellschaften, den Verzehr von „verarbeiteten“ und „rotem“ Fleisch zu reduzieren, in eine deutlichere Handlungsanleitung übersetzt.

Quellen:

Blog über den IARC-Report
Artikeln auf ORF.at vom 26.10.2017: Fleisch im vernünftigen Rahmen essen

Mitschnitte aus ZIB vom 26.10.2015 und 27.10.2015 – online in der TV-thek für eine Woche
Artikel über Wurstjause im Parlament in der Presse vom 29.10.2015, sowie Facebook-Seite von Hrn. BM Andrä Rupprechter https://www.facebook.com/BMRupprechter
Artikel vom 27.10.2015 in die Zeit: Wir müssen alle sterben!
Artikel vom 26.10.2015 im Spiegel: Krebsrisiko: So gefährlich ist Wurst wirklich?
Artikel vom 31.10.2015 im Spiegel: Die Kraft der toten Tiere
Artikel vom 30.10.2015 in der Presse zu Sarah Wiener
Artikel über vegane Würste

Photonachweis:

Bild vom Grill: R. Aspalter
Bild von Wurst im Artikel auf orf.at vom 26.11.2015

Bild von Wurstjause im Parlament: https://www.facebook.com/BMRupprechter/ (Andrä Rupprechter)
Bild von Wurst im Artikel „die Zeit“ vom 31.10.2015
Bild von Wurst im Spiegel-Artikel: „Spiegel“ vom 26.10.2015, Bild: Picture taken February 6, 2006. TO ACCOMPANY FEATURE FOOD-CROATIA-EU REUTERS/ Nikola Solic
Cartoon aus dem Spiegel vom 31.10.2015
Bild von Sarah Wiener: Artikel in „Die Presse“ vom 30.10.2015, Bild EPA
Bild vom Hot Dog Report: Webseite Clear Food
Online Werbebanner der Bank Austria Unicredit am 27.10.2015

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