Ernährung bei bestehendem Krebs: 1. Eiweiß

grillen

 

 

 

 

 

 

Es gibt einige Hinweise darauf, dass die Ernährung die Entstehung und das Verhalten von Krebs wesentlich stärker beeinflusst, als wir allgemein annehmen. Was ist bisher bekannt und welche Informationen fehlen noch? Im ersten Teil möchte ich mich auf Proteine und den Unterschied zwischen tierischen und pflanzlichen Proteinen beschränken.

Eine erste Überraschung

Es gibt große Metastudien über den Konsum bestimmter Lebensmittel oder auch über das Meiden bestimmter Lebensmittel, welche die Häufigkeiten bestimmter Krebsarten um einige Prozent verändern. Die Unterschiede waren jedenfalls nie so deutlich, dass sie mich klar zu einer Ernährungsumstellung hätten motivieren können. Als ich dann die China-Study (siehe Medien) las, traute ich zunächst meinen Augen nicht. Nur indem tierische Proteine gemieden oder im Tierversuch gefüttert wurden, konnte man die Entstehung von Krebs zulassen oder verhindern, einen Krebs oder dessen Vorstufen wachsen lassen oder das Wachstum auch wieder abstellen. Auch wenn der Autor des Buches, T.C. Campbell (1) manchmal sehr spekulativ wird, liefert er doch so viele Daten und so viele Referenzen, dass das Thema, einmal aufgegriffen, nicht mehr so einfach abgehakt werden kann.

Erste „obskure“ Hinweise

Was zeigt der Autor, bzw. was kann er mit Studien belegen? Er war zunächst mit dem Aflatoxin, einem der heftigsten Gifte welche wir kennen, beschäftigt. Dieses erzeugt Leberkrebs bei Menschen und auch bei Ratten. „In an obscure medical journal“ fand er den ersten Hinweis darauf, welche wichtige Rolle die „normale“ Ernährung spielt – neben dem „Hauptspieler“ Aflatoxin. Erhielten die Ratten nach der Verabreichung von Aflatoxin die „normale“ Ernährung, welche 20% Protein enthielt, entwickelten sie Leberkrebs, erhielten sie aber nur 5% Protein, entwickelten sie – selbst bei hohen Dosen Aflatoxin – keinen Leberkrebs.

Dann auch noch der Mensch

Der nächste Hinweis ergab sich in der Zusammenarbeit mit philippinischen Ärzten, die viele Kinder mit Lebertumoren behandeln mussten. Diese Tumore waren vor allem auf Aflatoxin zurückzuführen welches dort vor allem in der Erdnussbutter gefunden wurde. Und viele der Kinder warteten vergeblich auf eine Lebertransplantation. Einer der dort ansässigen Ärzte teilte Campbell mit, dass es die Kinder der „reichen Leute“ seien, welche Leberkrebs entwickelten. Es waren die Kinder, die auch Fleisch zu essen bekamen (1).

Erste eigene Versuche – Tumorentstehung

T.C. Campbell begann daraufhin selbst mit Tierversuchen und bestätigte zunächst die Beobachtungen. Er ging aber noch einige Schritte weiter. Zunächst untersuchte er unterschiedliche Eiweißarten und fand, dass tierische Proteine das Tumorwachstum erlaubten, pflanzliche Proteine jedoch nicht. (Ich nenne dies einen „permissiven“ Effekt.) Und am schlimmsten verhielt es sich dem Autor zufolge mit dem Milchprotein Casein, welches natürlich in Milchprodukten, aber auch konzentriert in vielen Proteinshakes für Sportler enthalten ist (1).

In weiteren Experimenten untersuchte Campbell den Einfluss tierischen Proteins auf jede der drei Stadien der Tumorentstehung: Als erstes braucht es für die Tumorentstehung eine feste Bindung des Giftes an die Chromosomen, um den genetischen Defekt zu setzen, der für die unkontrollierte Zellteilung verantwortlich ist. Unter der Ernährung mit 20 % Protein kam es zu einer wesentlich stärkeren DNA-Bindung als unter 5 % Protein (2). Dann braucht es die „Aussaat“, das „Aussprossen“ solcher Zellen, die sich sehr schnell, womöglich schon zu schnell teilen. 20 % Casein in der Kost der Ratten führte zur Entstehung von vielen kleinen Gewebsinseln („foci“), welche stärkere Zellteilung aufwiesen und als Vorläufer der Krebszellen angesehen werden können (3). Diese Studien sind sehr detailliert und präzise aufgeführt und dazu hat Campbell mit seinen Studienkollegen viele Publikationen geschaffen. Dieser Teil ist also am besten dokumentiert. Weiter geht es mit dem eigentlichen Wachstum von Tumoren, der Metastasenbildung und der Frage, ob sich Tumore zurück bilden können.

Tumorwachstum und Metastasierung

Im Buch „China-Study“ heißt es hier: „Tiere (welche schon Tumore entwickelt hatten) und die von High-Protein zu Low-Protein-Ernährung gewechselt wurden, hatten 35-40% weniger Tumorwachstum“ und weiter heißt es, dass das Tumorwachstum einfach mit der Menge des Nahrungsproteins ein- und ausgeschaltet werden konnte, fast so wie mit einem Lichtschalter (1). Leider ist dies nicht wirklich gut belegt. Der Autor gibt zwei Referenzen dafür an. Die erstere ist eine allgemein zugängliche Publikation im Journal „Cancerogenesis“ (4). Doch man sucht hier vergeblich nach Daten zu den Auswirkungen eines Protein-„Switches“, also eines Wechsels in der Ernährung. Es gibt Daten über das Wachstum von „Foci“, von Lebertumoren und von weiteren Tumoren anderswo im Körper. Und es gibt den Beleg dafür, dass die Anzahl dieser „Foci“ mit der Krebsentstehung korreliert. Nicht mehr und nicht weniger.

Die zweite Referenz ist eine Dissertation an der Cornell University (5). Mal sehen, ob ich diese auftreiben kann! Publiziert sind die Daten jedoch nicht, ich meine in wissenschaftlichen Journalen. Jedenfalls scheint es, als sei nach ersten sehr vielversprechenden Ansätzen Halt gemacht worden. Gründe hierfür mag man im Kapitel des Buches „Warum sie bisher noch nichts davon hörten“ finden (1). Doch hier soll zunächst einmal nur die momentane Datenlage zusammengefasst werden.

Und beim Menschen?

Doch ja, es gibt noch eine Referenz betreffend des Tumorwachstums: Es ist dies eine Studie aus Mexiko (6), in welcher Patienten mit Melanomen einer proteinarmen Diät unterzogen wurden und damit bessere Überlebensraten hatten. Es wurde die „Diät nach Gerson“ angewandt, bei welcher eine vegetarische Kost (mit viel Kalium, Flüssigkeit) in Form von stündlich verabreichten Gemüse- und Fruchtsäften, vegetarische Mahlzeiten aus rein biologischer Produktion und Kaffeeeinläufe zur „Entgiftung“ angewandt werden. Die Studie ist retrospektiv. Es gab keine Kontrollgruppe, stattdessen wurde mit anderen publizierten Ergebnissen verglichen. In dieser Studie hatten Melanompatienten eine höhere Überlebensrate. Es gibt jedoch keine andere Publikation, schon gar nicht prospektiver und kontrollierter Art, welche die Wirksamkeit dieser Kost belegt, genauso wenig wie dies für andere ähnliche Therapieformen wie der Kelley-, Manner und der Hoxsey-Therapie der Fall ist. Sie gehen leider alle von sehr spekulativen Wirkmechanismen aus und es gibt so gut wie keine wirklich guten Studien dazu. So ist es nicht überraschend, dass die American Cancer Society vor einer „Krebstherapie mittels Ernährung“ warnt.

Protein und Säure-Basenhaushalt

Tierisches Protein unterscheidet sich von pflanzlichem Protein vor allem im Gehalt an schwefelhältigen Aminosäuren. Das sind Cystein und Methionin. Diese führen zur Ansäuerung des Stoffwechsels. Ob allerdings der pH-Wert, der Schwefel oder andere Faktoren tierischen Eiweißes den Unterschied in den Tierexperimenten ausmachten, ist nicht bekannt.

Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass zusehends häufiger von Erfolgen mit einer ketogenen Diät bei Tumorerkrankungen berichtet wird. Wir kennen diese als ketogene Diäten zur Gewichtsreduktion, etwa die Atkins Diät u.a., also low-carb-Diäten, und meist ist damit gemeint: eiweißreiche Diäten. Bei den Krebsstudien wurde der Begriff jedoch uneinheitlich verwendet: einmal bedeutet er eiweißreich, dann wiederum fettreich. In jedem Fall aber ist die Diät kohlenhydratarm. Wir können daher nicht sagen, ob der Effekt auf eine Änderung im pH-Wert des Serums oder des Tumorgewebes zurückzuführen ist. Ein positiver Effekt durch tierisches Eiweiß ist aber angesichts der oben genannten Experimente unwahrscheinlich. Möglich ist auch ein Effekt durch drastische Zuckerreduktion. Denn „low-carb“ wird zunächst vor allem mit dem Weglassen allen Zuckers erreicht.

Sonderstellung: Glutamin

Krebszellen sind zwar sehr gefräßig, brauchen viel Glucose, aber sie sind auch sehr flexibel. Sie können auch Glutamin, eine Aminosäure, als Energielieferanten heranziehen, zwar auch nicht unbegrenzt und ganz unabhängig von Glucose, aber doch bis zu einem gewissen Ausmaß. Glutamin kommt reichlich in tierischen Produkten und eiweißhältigen pflanzlichen Produkten (Nüssen, Bohnen) vor. Es gibt zwar Arbeiten aus dem Labor, die zeigen, dass Glucose- und Glutaminverwertung nicht unabhängig ist. Wenn wenig Glutamin vorhanden ist, kann auch wenig Glucose verwertet werden. Ein „Glutaminentzug“ macht aber deshalb keinen Sinn, weil Glutamin die Hauptmenge an den im Blut schwimmenden Aminosäuren ausmacht und außerdem vom Körper selbst synthetisiert wird, wenn Bedarf ist. Ein „Glutaminentzug“ ist also praktisch nur im Labor möglich.

Resümee aus den Tierversuchen Campbells

Es muss hier klar gestellt werden, dass das Ergebnis der Tierversuche nicht ganz so spektakulär ist, wie es in dem Buch dargestellt wird:

  1. Die Tumore verschwanden nicht unter der Low-Protein-Ernährung, bei einem Wechsel zur High-Protein-Ernährung wuchsen sie auch flott wieder weiter.
  2. Die Tumore blieben offenbar auch nicht gleich in der Größe (ich kann mich hier nur auf die Aussage im Buch selbst und nicht auf Studien beziehen) – sie wuchsen „um 35-40% weniger“ sagt der Autor. Nun, dies ist bereits ein Effekt, in der Tat, aber es gab offenbar Tumorwachstum, auch während der Low-Protein-Ernährung.
  3. Die Tiere wurden durch die Low-Protein-Ernährung keinesfalls geheilt!

So, was tun?

Meines Erachtens sollten folgende Schritte weiter führen:

Es sollten die Experimente mit nicht-tierischem Eiweiß weiter geführt werden. Die Low-Protein-Experimente in den oben genannten Versuchen wurden ja mit Casein durchgeführt, dem „schlimmsten“ unter den „Übeln“. Wie hätten die Ergebnisse ausgesehen mit anderen Proteinen? Mit pflanzlichen Proteinen? Wir haben keine Antworten darauf.

Es sollten Ergebnisse erzielt und publiziert werden, welche sich nicht auf Tumorvorstufen sondern auf echte Tumorzellen beziehen. Eine wirklich maligne, d.h. entartete Zelle kann nicht gleichgesetzt werden mit deren Vorstufen.

Eine rein pflanzliche Ernährung scheint zumindest etwas positive Ergebnisse auf den Verlauf eine Krebserkrankung zu erzielen. Sie hat viele gut belegte weitere positive Effekte und hat keinerlei bekannte Nachteile. Der Umstieg sollte also generell empfohlen werden. Dabei sollte das Verhalten von Tumoren genau untersucht und mit Personen verglichen werden, welche die in unseren Breiten gewohnte Ernährungsweise beibehalten.

Zu überlegen ist eine Kombination aus einer rein pflanzlichen Ernährung und völligem Meiden von zugesetztem Zucker. (In meinem nächsten Beitrag werde ich die Rolle des Zuckers bei Krebswachstum behandeln.) Auch das sollte gut dokumentiert und vor allem der zusätzliche Nutzen zu einer rein pflanzlichen Ernährung dargestellt werden.

Bei ketogenen Diäten sollte immer der Anteil tierischen Eiweißes von pflanzlichem separat angegeben werden und auch die Menge und Art der Fette deklariert werden. Es sollte weniger von low-carb-Diäten gesprochen werden und nicht Kohlenhydrate per se reduziert werden. Es sollte auch spezifiziert werden, welche Kohlenhydrate zugeführt werden und welche nicht.

 

Quellen:
1) T. Colin Campbell: The China Study:The Most Comprehensive Study of Nutrition Ever Conducted and the Startling Implications for Diet, Weight Loss and Long-term Health, Benbella Books, 2006, ISBN 1-932100-38-5
2) Cancer Res. 1982 Dec;42(12):5053-9. Effects of sex difference and dietary protein level on the binding of aflatoxin B1 to rat liver chromatin proteins in vivo. Prince LO, Campbell TC
3)
J Nutr. 1987 Jul;117(7):1298-302. Dietary protein level and aflatoxin B1-induced preneoplastic hepatic lesions in the rat. Dunaif GE, Campbell TC
4) Carcinogenesis. 1992 Sep;13(9):1607-13. Inhibition of aflatoxin B1-induced gamma-glutamyltranspeptidase positive (GGT+) hepatic preneoplastic foci and tumors by low protein diets: evidence that altered GGT+ foci indicate neoplastic potential. Youngman LD(1), Campbell TC
5) Youngman LD. The growth and development of aflatoxin B1-induced preneoplastic lesions, tumors, metastasis, and spontaneous tumors as they are influenced by dietary protein level, type, and intervention. Ithaca, NY: Cornell University, Ph.D. Thesis, 1990
6) Altern Ther Health Med. 1995 Sep;1(4):29-37. Five-year survival rates of melanoma patients treated by diet therapy after the manner of Gerson: a retrospective review. Hildenbrand GL(1), Hildenbrand LC, Bradford K, Cavin SW

Photoquelle: Eiweiß am Grill, R. Aspalter

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2 Kommentare auf “Ernährung bei bestehendem Krebs: 1. Eiweiß

  • 25. Januar 2017 at 14:56
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    Sehr geehrte Frau Aspalter,

    Es geht bei mir nicht um mich, sondern um meinen Hund (ca. 30 kg).
    Er bekam im Oktober 2016 am linken Ohr einen Tumor, er wurde komplett entfernt und untersucht. Es handelte sich um einen aggressiven Mastzellentumor.
    Nach ca. einem Monat bekam er 2 Tumore im Halsbereich hinter dem Ohr, das auch wieder operiert wurde, wobei mir der Arzt schon sagte, das war seine letzte Op..
    Er hat jetzt 3 Tumore , alle im Bereich des linken Ohres.
    Jetzt versuche ich es mit der Ernährungsumstellung.
    Er bekommt jetzt fast keine Kohlenhydrate mehr.
    Nur rohes Fleisch(kein Schwein) und Gemüse und Obst
    Weiters bekommt er in der Früh und am Abend 2 Esslöffel Frischkäse mit 2 Esslöffel Leinsamenöl. Das soll sehr gut sein (Omega 3)
    weiters bekommt er mittlerweile 12-14 Bittere Aprikosen(Marillen)kerne.
    Diese bilden Blausäure und ein Stoff von diesen Marillenkernen soll sich in die Zellmembran
    einnisten, der dann von den Krebszellen aufgespalten wird und diese umbringen.
    Ich habe es genauer gelesen, bin aber kein Arzt.
    Meine Frage dazu ist, was Sie davon halten? Bei Ihren Berichten habe ich dazu nichts gelesen.
    Zusätzlich zum Hauptfutter bekommt er einen Esslöfel Mariendistelöl, das soll die Leber entlasten. Omega6fettsäure.
    Hanföl soll auch sehr gut gegen Krebs sein.
    Im Internet findet man einen 80ig jährigen Mann, der sich selbst mit Hanf geheilt hat.

    Ich würde mich sehr freuen, wenn Sie mir Antworten und was Sie davon halten, oder ob Sie selber damit Erfahrungen haben.

    Mit freundlichen Grüssen, Kopecky Manfred

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    • 28. Januar 2017 at 20:53
      Permalink

      Lieber Herr Kopecky,

      ich kann leider dazu nicht wirklich seriöses sagen, weil ich keine vetereinärmedizinische Ausbildung und auch keine Erfahrung mit Krebs bei Tieren habe, aber Fleisch würde ich ihm nicht gegen. Die Aprikosenkrene, Leinöl etc. erscheinen mir sinnvoll.

      Mit freundlichen Grüßen
      Dr. Rosa Aspalter

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